q A. Bucher: Farbe, nicht Form... - Elena Lux-Marx

A. Bucher: Farbe, nicht Form…

Annemarie Bucher

Farbe sei ihr wichtig, nicht Form.

‹Konstruktiv-konkret› und ‹gemalt›, das sind auf den ersten Blick die beiden Eigenschaften, die das Werk von Elena Lux-Marx charakterisieren: In der Verbindung dieser Merkmale wird ein Begriff ins Feld geführt, der lediglich als Ausgangspunkt dienen kann, um das Gesichtete näher zu erfassen.

Zum einen: Wir haben es hier mit Malerei zu tun, insbesondere mit Farbe. Das mag banal klingen. Doch vor dem Hintergrund der Konzepte, der Installationen, der neuen Medien und dem mehrmaligen für tot erklären der Malerei, müsste nicht vielleicht diese beiläufige Selbstverständlichkeit des gemalten Bildes erneut befragt werden? Eine erste Antwort lässt sich im reinen Anschauen finden: Mit diesen Bildern wird wahrnehmen (mit den Komponenten des Sehens und Empfindens) anschaulich gemacht.

Zum andern: Elena Lux-Marx arbeitet auf der Grundlage eines strengen geometrischen Rasters, mit Quadraten, Rechtecken, Streifen und mit systematischen Farbverläufen – kurzum mit den Mitteln der konstruktiv-konkreten Kunst. Vor dem derzeitigen Arbeitshintergrund der Künstlerin wird dies nicht weiter erstaunen. Denn die Väter und Mütter der dieser Richtung, die Zürcher Konkreten, sind hier sicherlich gegenwärtiger als anderswo. 

Ausblick aus dem Fenster

Doch die Fakten liegen ganz anders: Elena Lux-Marx lebt noch nicht ganz 20 Jahre in Zürich. Sie stammt aus Deutschland, aus dem Oberammergau, wuchs in Berlin auf und studierte an der dortigen Hochschule der bildenden Künste Malerei. Schon während ihres Studiums – Ende der 60er Jahre – entschied sie sich für die geometrische Bildsprache und war damit eher eine Ausnahme im dortigen Umfeld. Das Geometrische habe sich ergeben aus dem Erlebnis des Ausblicks aus dem Fenster des obersten Geschosses der Akademie. Das Strassenbild aus der Vogelschau habe sich ihr als geometrisches Muster eingeprägt und den Ausstieg aus der Form erleichtert. Fortan fand sie Halt und Ordnung in der Geometrie. Das unabänderliche Paradigma, an dem sich so schnell keine Formdebatte zu entzünden vermochte, eröffnete ihr einen neuen Freiraum, der sie näher an ihr eigentliches Thema, die Farbe, heranbrachte. So sind die geometrischen Formen in erster Linie auch nur die Gefässe für die systematische Verteilung der Farbe. Und horizontal-vertikal-Strukturen (auf der Basis von Rechtecken und Quadraten), seltener Diagonalen, bilden eine neutrale Formgrundlage.

Farbe sei ihr wichtig, nicht Form. Farbe existierte schon, bevor die Welt auch zur Form wurde, schreibt die Künstlerin in einem Text zu ihren Bildern. Damit nimmt sie die Bedeutung der Form stark zurück, um im Gegenzug die Farbe zu steigern. Der deutlich sekundäre Stellenwert der Form prägt auch die Wahrnehmung ihrer Werke. Obwohl genau festgelegt, verflüchtigt sich das geometrische Raster auf dem Weg in die Netzhaut des Betrachter Auges. Die präzise voneinander abgegrenzten rechteckigen und quadratischen Farbfelder sind zwar unabdingbar für das ganze, jedoch nur aus der Nähe als einzelne zu erkennen. Schon aus geringer Distanz werden sie durchschwemmt und überflutet von einer stufenlos sich verändernden Farbe, die wiederum in der ganzen Bildfläche Halt sucht und die Leinwand zum Farbobjekt werden lässt.

Für Elena Lux-Marx sind die Farben keineswegs nur konkrete Werte sondern subjektive Eindrücke, Gefühlsenergien, die eine optische Empfindungsfähigkeit voraussetzen.

Die angesprochenen Empfindungen sind vielfältig: Wir erkennen im Licht aufscheinende und im Dunkel versinkende Farbverläufe, vernehmen das Dämpfen oder Auswaschen von Farbwerten. Anderswo entspannt sich zwischen verschiedenen Zonen der Bildfläche ein Changeant-Effekt: einem glänzenden Gewebe gleich, wechselt je nach Lichteinfall ein durchsichtiges Grün in zartes Gelb; oder bleiches Blau wird überstrahlt von einem kaum merklichen Orange und erinnert an einen leicht getönten Abendhimmel. Während aus dem einem Teil der Bildfläche die Farbigkeit des Regenbogens schimmert und in den Raum ausgreift, schluckt der andere Teil, einem dichten Nebel gleich, jede Buntheit bereits an der Oberfläche. Die glänzende Leichtigkeit patiniert und entwickelt eine dumpfe Schwere. Kristallene Klarheit beschlägt, schlägt um in kompakte Trübnis.

Systematische Farbuntersuchungen

Die Ursachen dieser Eindrücke und Assoziationen beruhen auf systematischen Farbuntersuchungen und auf der Wirkung von Simultan- und Komplementärkontrasten. Den einzelnen Werken zugrunde liegt eine konkrete Fragestellung, an die sich die Künstlerin durch Tests heranarbeitet. Nach genau kalkulierten Überlegungen werden die Töne gemischt und positioniert. Die Skala reicht von extremen Kontrasten bis zu minimalsten Veränderungen, die durch Mischung aus Nachbarfarben erreicht werden. Zu jeder Bildidee existiert ein Dossier, in dem alle Untersuchungsergebnisse dokumentiert sind. Es folgen Studien. Das Bild entsteht schliesslich im Nordlichtatelier auf dem Zeichentisch. In sorgfältiger Arbeit wird die Farbe Feld für Feld aufgetragen, mit der Ziehfeder die Ränder, die Fläche mit dem Pinsel.

Die Künstlerin kennt Sein und Schein der Farbe bestens. Mit denselben Mitteln wird in der Op-art das Auge des Betrachters irritiert. Flirrende Muster und bunte Reize täuschen Räumlichkeit vor. Frühere Werke sind noch nahe an diesem farbenreichen optischen Illusionismus. Heute streift Elena Lux-Marx diese Wirkungsfelder in gewisser Weise nur noch. Sie lässt lautstarke Op-art-Effekte höchstens am Rande gelten, bringt sie sofort zum Zerfliessen und kontert mit ganz anderen Qualitäten. Vielmehr deutet sie ein leises, kaum merkliches Oszillieren an, das den Betrachter in Bann zieht. Beim Hinsehen nimmt allmählich die Bildfläche eine hologrammartigen Struktur an, sie wächst zum illusionären, unberechenbaren Raum, in dem sich das Betrachterauge – besinnlich wandernd – erholen kann.

Elena Lux-Marx› Farbuntersuchungen sind prägnanter als Verdunkelungen, Verschattungen, Trübungen, Dämpfungen, Vernebelungen u.ä. zu beschreiben. Damit ist die Farbe nicht mehr so einfach in eine objektive Skala einzubinden. Zu den konkreten Farbqualitäten wie bunt, unbunt, kalt, warm, gesellen sich weitere hinzu, die als Stimmungskausalitäten zu umschreiben sind: zum Beispiel matt, glänzend, strahlend, leuchtend, dumpf, trüb, opak, transparent. Sie erweitern das Thema Farbe zu einem komplexen, vernetzten System, in dem sich die Wirkungen überlagern, brechen oder potenzieren können. Wie von selbst wird es in diesem Spannungsfeld unmöglich, mit der Farbe bloss eine spezifische Form bekleiden zu wollen. Die viel grössere Herausforderung liegt darin, die Farbenergien zu steuern und zu leiten, Stimmungen aufzunehmen und Wahrnehmungsprozesse zu thematisieren. (Eine Bemerkung in Klammer: Licht und Schatten, Tag und Nacht, Nebel, Schnee und Staub haben auch keine fixierbare Form.)

Farben im Zwiegespräch 

In der Nacht sind alle Katzen grau, heisst es im Volksmund. Ich zweifle, ob die Künstlerin das auch so sieht und dem bedingungslos beipflichten würde. Diese Feststellung kann nur am Tag entstanden sein, und in Unkenntnis der differenzierten Töne und Farbklänge der Nacht. Dass sich ein rotes, schwarzes, weisses, geflecktes oder getigertes Fell auch unter den Vorzeichen der Dunkelheit – vielleicht nach einer kurzen Gewöhnung – erkennen liesse, bleibt unbestritten. Die Wertungen der Farben sind also von der Position des Wahrnehmenden im Licht oder im Dunkel abhängig. Für die oberflächliche und stereotype Sichtweise scheint beides kaum vereinbar zu sein. Jedoch Elena Lux-Marx› Bilder beweisen das Gegenteil, indem sie unterschiedliche Farbwelten gleichzeitig enthalten. Sie suchen das Zwiegespräch mit dem Spiegelbild oder der Gegenwelt. Denn das eine kann erst deutlich werden vor dem Hintergrund des anderen. Das Helle braucht das Dunkle, das Hinten bedingt das Vorn, das Oben ist nicht zu denken ohne das Unten.

Dieser Dialog wird durch die häufig gewählte Form des Diptychons und in der Werkgruppe der dualen Bilder noch gesteigert. Beispielsweise entsteht je nach Anordnung der Farbtöne auf dem einen Bildfeld ein leuchtender, reiner auf dem andern hingegen ein verschmutzter, dumpfer Eindruck der Grundfarbe. Andere Bilder wiederum basieren auf der Teilung der einzelnen Leinwände in helle und dunkle Farbwertgruppen. Die Spiegelung der Farbverläufe im Zwillingsbild bringt jedoch zwei ganz unterschiedliche Stimmung zum Klingen.

Die Bilder sind nicht blosse Nummern eines Projektes zur Erforschung der Farbe. Sie tragen Titel, etwa: «Guten Tag Nacht – Gute Nacht Tag«, «Jade im Pelz«, «Out of the Blue«, «Fata Morgana«, «Busy Lizzy, «Lotus«, «Innenansichten der Zeit«, «Im Licht des Geistes«, «Indian Chutney«, «Opus«, «Swedish Summer» usw. Die Titel sind poetische, humorvolle Setzungen, fast Rufnamen für das Werk, die erst im Nachhinein bei der Überprüfung der Empfindung entstanden sind. Auch vermitteln sie etwas vom Entstehungsumfeld und von der Stimmung, aus der sie genährt sind. Schliesslich vermögen sie in einer ganz anderen Weise eine Antwort zu geben auf die Fragestellung, die dem Werk zugrunde liegt.

Elena Lux Marx wägt die Mittel sorgfältig ab. Sie bewegt sich an der Grenze zwischen Licht und Schatten, an der Schnittstelle zwischen Tag und Nacht und versucht vorsichtig die verborgenen, noch nicht durch den Alltag abgeschliffenen Vorgaben der Wahrnehmung – zwischen sehen und empfinden – aufzudecken.

Vortrag anlässlich der Ausstellung Elena Lux-Marx in der Galerie Proarta, 1997

Annemarie Bucher, freischaffende Kuratorin, Autorin, Dozentin, Beraterin für transdisziplinäre und transkulturelle Projekte. Autorin mehrerer Bücher und Texte im Bereich Kunst, Landschaft und Natur.